Menschen benötigen ein Minimum an emotionaler Akzeptanz …

Prof. Dr. med. Joachim Bauer ist Neurobiologe, Psychiater, Internist und und Facharzt für Psychotherapeutische Medizin am Universitätsklinikum Freiburg. In der breiten Öffentlichkeit wurde Bauer u. a. durch seine Bücher »Warum ich fühle, was du fühlst«, »Das Gedächtnis des Körpers« und »Das kooperative Gen« bekannt. Matthias Klein befragte Prof. Joachim Bauer, in welchem Maße neurobiologische Einflussfaktoren wie z. B. Spiegelneuronen unser soziales Verhalten beeinflussen. Klein ist Gründer und Inhaber der auf Führungskräfteentwicklung spezialisierten Beratungsfirma QUESTO Prosulting. Das All- embracing™ Leadership Training von QUESTO Prosulting berücksichtigt u. a. neurobiologische Erkenntnisse, wenn Führungskräfte Selbst- und Fremdwahrnehmung in speziellen Projekten mit besonderen Personengruppe (z. B. junge Menschen in Kinderdörfern oder Menschen mit Behinderung) entwickeln.

Matthias Klein: Sehr geehrter Herr Prof. Bauer. Bereits Martin Buber betonte, dass alles Leben Begegnung sei. Könnte man sagen, dass der aktuelle Wissensstand der Neurobiologie ausreicht, ehemals philosophische und religiöse Ansätze, die sich mit der Bedeutung von guten Beziehungen auseinandergesetzt haben, fundiert zu ergänzen?

Joachim Bauer: Ja, so sehen es jedenfalls eine ganze Reihe von Spitzenforschern in diesem Bereich. Thomas Insel, Direktor des National Institute of Mental Health (NIMH), fragte kürzlich im Titel eines von ihm publizierten Beitrages »Is social attachment an addictive disorder?«. Die etwas ironisch gemeinte Frage, ob Menschen sozusagen »süchtig« nach halbwegs guten zwischenmenschlichen Beziehungen sind, wurde von ihm dann letztlich mit »Ja« beantwortet. Menschen benötigen ein Minimum an sozialer Akzeptanz, andernfalls werden sie krank.

Matthias Klein: Wonach bemisst sich die soziale Akzeptanz?

Joachim Bauer: Menschen sind Säugetiere. Ursprünglich bedeutete soziale Akzeptanz körperliche Gemeinschaft, Berührung, Nähe und körperliche Zärtlichkeit. Nach Entwicklung der menschlichen Sprache können wir körperliche durch sprachliche Akte ersetzen. Zusätzlich zur körperlichen Gemeinschaft, die wir auf wenige uns nahestehende beschränken, kommen nun Dinge wie verbal vermittelter Respekt, Wertschätzung, Anerkennung und Lob. Auch von jemandem etwas zu fordern, kann Anerkennung ausdrücken. Wir müssen uns keineswegs gegenseitig in Watte packen.

Matthias Klein: Hypothetisch gefragt, wenn in einer Gesellschaft Werte wie Kooperation, Empathie und Mitgefühl weniger gelebt werden, hieße das auch, dass Menschen süchtig werden können nach Beziehungen, die weniger auf Menschlichkeit, denn mehr auf materiellem Geben und Nehmen begründet sind?

Joachim Bauer: Ja, eine solche Entwicklung ist in den westlichen Überflussgesellschaften seit Langem ein real zu beobachtender Trend. Soziale Akzeptanz suchen Menschen deshalb, weil sie zur Folge hat, dass die so genannten Motivationssysteme unseres Gehirns Glücksbotenstoffe ausschütten. Diese Motivations-Nervenzellen sind jedoch korrumpierbar: Sie schütten ihre Glücksbotenstoffe auch aus, wenn wir zuckerreiche Nahrung erhalten oder Drogen wie Alkohol, Nikotin oder Kokain zu uns nehmen. Eine relativ gesunde Ausweichstrategie, falls soziale Zuwendung knapp ist, besteht darin, Sport zu treiben oder Musik zu machen, insbesondere zu singen. Alle drei Tätigkeiten aktivieren die Motivationssysteme.

Matthias Klein: Hat diese »Korrumpierbarkeit« auch Auswirkungen auf die kulturelle Evolution der Menschheit, von der Wolfgang Wieser spricht? Kann man dem Führenden in der Menschenführung damit eine gewisse Verantwortung für die zukünftige Entwicklung der Menschheit zuschreiben?

Joachim Bauer: Ja. Aber wir sollten bedenken, dass zum Führen immer zwei Seiten gehören: diejenigen die führen und diejenigen, die sich führen lassen. Im Zeitalter der Demokratie tragen auch diejenigen, die geführt werden, Verantwortung. Damit wir alle diese Verantwortung, die wir für uns selbst haben, auch wahrnehmen können, bedarf es allerdings der Bildung. Im Moment haben wir in den westlichen Ländern aber einen bedenklichen Trend: Nur noch die Kinder aus der oberen Hälfte der Gesellschaft durchlaufen Bildungswege, die anderen werden mit den Schundangeboten der Medienindustrie abgefüttert und können daher weder intellektuelle noch emotionale Intelligenz entwickeln.

Matthias Klein: Würden die Motivationssysteme, wenn sie über Generationen und Generationen korrumpiert werden durch Drogen (materielle wie immaterielle), Selbstsucht und egozentrischen Ehrgeiz eines Tages überhaupt noch auf echte Beziehungen, Wertschätzung und Mitgefühl ansprechen?

Joachim Bauer: Das ist schwer zu sagen. Evolutionär erworbene Kompetenzen können, wenn sie von der jeweiligen Umwelt auf lange Sicht nicht mehr gefordert und benützt werden, in der Tat verloren gehen.

Matthias Klein: Bildung ist gerade ein zentrales Thema. Ist nicht auch das Vorbild entscheidend? Werden zum Beispiel Spiegelneuronen nicht vor allem durch das Lernen am realen Vorbild in besonderem Maße ausgeprägt? Können die Spiegelneuronen auch im Erwachsenenalter in ihrer Anzahl zunehmen durch entsprechende Stimuli?Menschen benötigen ein Minimum

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