Psychologie des Fehlermachens

5. Juli 2015

Denken, Psychologie, Strategie

Irren ist nützlich

Unser Gehirn hat den Umgang mit komplexen Problemen perfektioniert – oder doch nicht? Immer wieder stolpern wir beim Entscheiden oder Erinnern über dieselben Fallstricke. Anna Gielas von der Harvard University stellt einige vor und erklärt, warum sich die Fehler unterm Strich doch auszahlen.

Wann waren Sie das letzte Mal felsenfest davon überzeugt, Recht zu haben – und lagen am Ende doch falsch? Das passiert schnell, denn unsere subjektive Gewissheit, das vermeintlich Richtige zu tun, entspringt nicht unbedingt der Faktenlage. Vielmehr unterliegen wir in den meisten Alltagssituationen systematischen Irrtümern, die Kognitionsforscher seit Jahren ergründen. Bis zu 100 verschiedene Typen haben sie bislang unterschieden. Werfen wir einen Blick auf einige der häufigsten Denkfallen.

Bei zahlreichen Entscheidungen stellen wir Gefühlsprognosen an – sei es bei der Wahl des Abendessens, des nächsten Urlaubsziels oder des Ehepartners. Dabei ist es eine experimentell vielfach belegte Tatsache, dass wir unser zukünftiges Befinden entgegen unserer Überzeugung nur schlecht einschätzen können, weil wir die Dauer und Intensität von Gefühlen, die bestimmte vielfach belegte Tatsache, dass wir unser zukünftiges Befinden entgegen unserer Überzeugung nur schlecht einschätzen können, weil wir die Dauer und Intensität von Gefühlen, die bestimmte Ereignisse in uns auslösen, überschätzen. Dies bezeichnen Psychologen als Impact Bias. Stellen wir uns vor, uns würde etwas Gutes passieren, wähnen wir das resultierende Glück tief und lang anhaltend; schlechte Nachrichten hingegen können uns die Vorstellung, irgendwann wieder froh zu werden, gründlich verhageln.

Der Psychologe Jordi Quoidbach von der Universität in Lüttich (Belgien) und seine Kollegin Elizabeth Dunn von der kanadischen University of British Columbia in Vancouver zeigten in einer 2010 veröffentlichten Studie, dass dieser Effekt selbst charakterliche Eigenarten von Probanden überlagert. Die Forscher rekrutierten rund 300 Studenten und ältere Erwachsene für zwei Experimente. Alle Teilnehmer gaben eingangs anhand eines Fragebogens Auskunft über ihre Persönlichkeit. Anschließend sollten die studentischen Probanden beurteilen, wie sie sich am Ende des Semesters nach einem guten oder schlechten Examen fühlen würden. Die anderen sollten angeben, was sie nach den US-Präsidentschaftswahlen empfinden würden, wenn Barack Obama ins Weiße Haus einzöge. Später gaben dann sämtliche Teilnehmer über ihre tatsächliche Gefühlslage Auskunft.

Problemfall Selbsteinschätzung

Wie sich herausstellte, überschätzten die Probanden die Bedeutung ihrer emotionalen Reaktionen teils deutlich. Sowohl hinsichtlich des Abschneidens bei der Prüfung als auch in Sachen US-Wahl hing die reale Zufriedenheit nur schwach mit der zuvor geäußerten Erwartung zusammen; viel entscheidender war die Persönlichkeit der Betreffenden: Optimisten erzielten im Schnitt höhere Glückswerte als wankelmütige Personen.

„Bei Prognosen tendieren wir dazu, unseren Charakter und unsere Veranlagung zu vernachlässigen“, so Quoidbach und Dunn. Die Quelle dieser Fehleinschätzung vermuten die Forscher in der Architektur des Gedächtnisses: So fuße unser Selbstbild auf Wissen, das im semantischen Speicher abgelegt ist, die Simulation zukünftiger Geschehnisse dagegen gehe auf Aktivität des episodischen Gedächtnisses zurück. Beide Systeme funktionieren weit gehend unabhängig voneinander, weshalb sie häufig zu unterschiedlichen Resultaten führen.

Dass wir Schwierigkeiten damit haben, realistische Urteile zu fällen, hat noch weitere Gründe: So ziehen wir etwa persönlich gefärbte Geschichten meist nüchternen Zahlen und Fakten vor. Zum Beispiel messen wir den Kauftipps von Freunden in der Regel einen höheren Stellenwert bei als mancher sachlichen Information von Verbraucherschützern. Forscher kennen das Phänomen als Anecdotal Fallacy (zu Deutsch etwa: Vorliebe für Anekdoten).

Thomas Kida von der University of Massachusetts in Amherst veröffentlichte 2010 eine aufschlussreiche Studie zu dieser kognitiven Verzerrung. Zusammen mit seinem Institutskollegen James Smith sowie James Wainberg von der University of Waterloo (Kanada) bat er 92 Manager, für einen fiktiven Hersteller von Platinen (Trägerelemente für elektronische Bauteile) eine von drei Maschinen auszuwählen – nämlich diejenige, die das beste Preis-Leistungs-Verhältnis bot. Die Probanden erhielten jedoch unterschiedliche Informationen: So sollte ein Teil auf Basis detaillierter statistischer Kennwerte entscheiden, während den anderen zudem Erfahrungsberichte von angeblichen Käufern vorlagen. Manche Probanden sichteten darüber hinaus auch wissenschaftliche Beurteilungen der Maschinen.

„Die Erfahrungsberichte beeinflussten die Entscheidungen generell stärker als die Statistiken oder die Forscheranalysen“, so die Psychologen. Die Probanden unterschätzten oder ignorierten die Faktenlage, wenn ihnen persönliche Eindrücke vorlagen – und wählten davon geleitet eher unzuverlässige, teurere Maschinen.

Zu Irrtümern neigt der Mensch auch auf Grund seiner Tendenz zur Vereinfachung, beispielsweise in Form induktiver Fehlschlüsse. Sie bieten an sich eine gute Möglichkeit, mit der täglichen Informationsflut fertigzuwerden. Nehmen wir etwa diesen Satz: „Die Giraffe hat einen langen…“ Automatisch ergänzen wir „Hals“, nicht etwa „Rückenwirbel“ oder „Flug von Kenia in den hiesigen Zoo“. Anders als der Mensch würde ein Computer zunächst alle möglichen Lösungen durchforsten. Um uns das zu ersparen und handlungsfähig zu bleiben, fügen wir das vermeintlich Naheliegende ein.

http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,759346,00.html#ref=top

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